HERZ & MUND Theaterproduktionen

sagt Lila

Junges Theater Bremen - Premiere 23. Januar 2008




FOTOS: Claudia Hoppens


Sprachlos bei all den vielen Worten

In der Stauerei hatte das Junge Theater Premiere mit dem Zweipersonenstück "Sagt
Lila"
Von unserem Mitarbeiter
Christian Emigholz
BREMEN. Die Stauerei in der Cuxhavener Straße, vom Jungen Theater entdeckt und
bespielt, ist ein flexibel zu nutzender Raum. Im Falle von "Sagt Lila" sitzt das Publikum nun
auf den Podesten, die üblicherweise die Bühne bilden, der übrige Raum ist Spielfläche.Es
ist eine asymmetrische Spielfläche, die sich mit den Seitenemporen samt ihren steilen
Treppen sowie den Stahlträgern selbst gliedert und Bühnenbild genug ist für dieses Stück,
das in den trostlosen Betonwüsten der Pariser Vororte spielt, aber in jeder beliebigen
Großstadt spielen könnte. Auch die Requisiten hat Regisseur Andre Sebastian aufs
kärglichste reduziert, so ist Hoffnungslosigkeit der erste und prägende Eindruck des
Abends."Sagt Lila" basiert auf der Buchvorlage eines französischen Autors, der sich hinter
dem Pseudonym Chimo verbirgt. Hendrik Pape hat daraus eine deutsche Bühnenfassung
erstellt, die Andre Sebastian für seine Inszenierung noch einmal überarbeitet hat. Chimo ist
nicht nur Autor sondern zugleich Berichterstatter und Akteur dieses Zwei-Personen-
Spiels.Chimo ist 17 vielleicht 18, auf jeden Fall ein wenig älter als sein Gegenüber Lila.
Manuel Klein gibt diesen Chimo als leicht linkischen, verdrucksten, seiner Gefühle noch
längst nicht sicheren Jungen. Gewalt in jeder Form gehört für Chimo ebenso zur alltglichen
Normalität wie für Lila. Er ist dadurch zum präzisen Beobachter geworden, der das
Gesehene in eine klare, sezierende Sprache zu fassen weiß. Hoffnung scheint er nicht zu
haben. Lila, leicht, hell und kindhaft unverstellt gespielt von Henrike von Kuik, hat noch ein
Stück Hoffnung in sich eingekapselt: Sie flieht in erotische Phantasien, pornographische
Tagträume, hat aber auch Horrorvisionen.Jugendtheater ist das, so könnte man meinen.
Tatsächlich spult sich aber in dem nur gut einstündigen Theaterabend eine moderne
Tragödie ab, deren Ursache Sprachlosigkeit ist. Sprachlosigkeit in einem Stück, das mit
Worten wahrlich nicht geizt? Lila plappert tatsächlich bei ihrer ersten Begegnung mit Chimo
munter drauflos, überfällt ihn regelrecht mit ihren drastischen sexuellen Phantasien und
Angeboten.Sie werden im Laufe dieses präzise gebauten Abends immer drastischer und
pornographischer, verbergen und überlagern aber lediglich, dass Lila eigentlich die Worte
fehlen, um auszudrücken, was sie fühlt, wünscht, will. Dass sie Sehnsucht nach
Annäherung und Nähe hat, vielleicht sogar Liebe sucht, dafür fehlen ihr die Begriffe, sie
kennt sie nicht einmal. Auch Chimo fehlen solche Begrifflichkeiten, auch er kann nur
berichten, ohne seine Gefühle zu berühren, sie preiszugeben.Der Tod Lilas in dieser bei all
den vielen Worten sprachlos gewordenen Gesellschaft ist nur konsequent: Lila und Chimo
sind die sprichwörtlichen zwei Königskinder, die doch nicht zueinander finden können in
dieser kalten Welt, die ihnen ohnehin keine Chance geben würde. Ein packender Abend mit
zwei ausgezeichneten jungen Schauspielern.(Vom 25. bis 27. sowie vom 30. Januar bis
zum 2. Februar, jeweils 20 Uhr, ist "Sagt Lila" noch in der Stauerei in der Überseestadt
gegenüber dem Speicher XI zu sehen.)