BUNGEE JUMPING
Staatstheater Kassel - Premiere Mai 2005

FRANKFURTER RUNDSCHAU, 14.05.2005
Es ist ein kongeniales Bühnenbild, das Svea Kossack für die Kasseler
Inszenierung von Bungee Jumping geschaffen hat. Das Erfolgsstück des
estnischen Dramatikers Jaan Tätte, von Andre Sebastian auf die Studiobühne
im Fridericianum gebracht, ist skurril, böse und gleichzeitig hochmoralisch.
Geld macht nicht glücklich, Liebe lässt sich nicht kaufen und mit dem
Reichtum schwindet der Charakter: Selten wurde einem das so schräg
untergejubelt.
(...) Was folgt, ist eine wilde Achterbahnfahrt (oder auch das Auf und Ab eines
Bungee-Sprungs) zwischen Geldgier und Gefühlen, zwischen Skrupellosigkeit
und Stürzen ins Bodenlose. Zögern ist nicht vorgesehen, Mordlust schon eher:
das geschärfte Messer wartet.
Dass sich bei dieser nicht eben subtilen Kapitalismus-Kritik kein aufdringlich
mahnender Zeigefinger erhebt, liegt an dem immer auch Unwirklichen,
Schwarzhumorigen des Geschehens. Und an dem irren Tempo. Regisseur
Sebastian versucht nicht, die Verwirrung aufzulösen, die Willkür zu
rationalisieren - und er tut gut daran. Mit Axel Holst als Osvald hat er eine
wunderbare Besetzung für die zwischen Romantik, Besessenheit und tiefer
Traurigkeit changierende Hauptfigur gefunden. Ihm zur Seite stehen - kaum
weniger überzeugend - Hanna Jürgens als patzig-geldgeile Laura und Markus
Frank als ihr smarter Karrieremann Roland. Und dann ist da noch Herwig
Lucas als der womöglich seltsamste Deus ex Machina, den die Bühnenwelt in
jüngerer Zeit gesehen hat. Wie er Pizza essend und Pistole zückend alle
vorherigen Verwicklungen überflüssig macht, soll hier nicht verraten werden.
Wer"s wissen will und noch nicht weiß, möge sich die Kasseler Inszenierung
anschauen. Was hiermit dringend empfohlen sei.



