Der gute Mensch von Sezuan
Rheinisches Landestheater Neuss - Premiere 7. September 2007
Pressestimmen„Brechts scheinbar so klare klassenkämpferische Botschaften hat Regisseur Andre Sebastian zeitgenössisch ambivalent in der Schwebe gehalten und so das Moderne der Brechtschen Dramatik herausgestellt. ... Hauptdarstellerin und RLT-Neuzugang Tini Prüfert spielt die Rolle der Prostituierten Shen Te mit viel Ausstrahlung, Natürlichkeit und Hingabe, dass man als Zuschauer unweigerlich in die Geschichte hineingezogen wird. ... Ein gelungener Premierenabend ...“ Westdeutsche Zeitung
„Regisseur Andre Sebastian setzt starke eigene, vor allem zeitgemäße Akzente. Da ist zum einen die rocklastige, schräge, oft dissonante Musik von Markus Maria Jansen, der als Straßenmusikant Paul auch auf der Bühne steht und live mit der E-Gitarre begleitet; da ist die Ausstattung von Svea Kossack, die die Figuren in irgendeinem Jetzt und in irgendeiner Vorstadt verankert; da ist die erhellende, nie bloß stellende Ironie, die oft über der Szene schwebt ... Brechts Stücke bergen die Gefahr, auf gespielte Lehrvorträge reduziert oder im Gegenteil mit all zu viel Sozialromantik angereichert zu werden. Sebastian und sein durchweg wunderbar spielendes Ensemble (allen voran Tini Prüfert als Shen Te/Shui Ta sowie Tim Knapper als Flieger Yang Sun) umschiffen diese Klippen mit Bravour.“
Neuß-Grevenbroicher Zeitung
"Im Zentrum des dramatischen Geschehens leuchtet die Sonne, nach der sich unwillkürlich alles richtet: Tini Prüfert als Shen Te. In jeder Nuance dieser facettenreichen Rolle ist sie glaubhaft. Sie rührt uns an mit ihrem Ernst, ihrer unbeirrbaren Wahrhaftigkeit, ihrem Liebreiz, ihrem Temperament, ihrer Hingabe, ihrer Anschmiegsamkeit, ihrer Härte, ihrem Gefühlsreichtum, ihrem Glücksbedürfnis und ihrem Schmerz. So beseelt sie den ganzen Abend und verleiht ihm eine wunderbare Tiefenschärfe. Sie ist eine echte Brecht-Spielerin, weil Fühlen und glasklares Mitdenken bei ihr immer Hand in Hand gehen. Großartig!
Theaterportal

DER GUTE MENSCH VON SEZUAN Tini Prüfert (Shen Te / Shui Ta)

DER GUTE MENSCH VON SEZUAN Markus Maria Jansen (Paul, der Straßenmusikant)

DER GUTE MENSCH VON SEZUAN Anas Ouriaghli, Carmen Betger, Anna Warntjen (Prostituierte)

Hermann Große-Berg + Ensemble (Familie)

Tini Prüfert und Ensemble
Kritiken in voller Länge:
DER GUTE MENSCH VON SEZUAN
am Rheinischen Landestheater Neuss. Premiere 07.09.2007
Eine Frage fürs Leben
VON HELGA BITTNER - NGZ
Neuss Bertolt Brecht hätte an dieser Arbeit vermutlich seine Freude gehabt. Eine Bühne,
die nur mit den nötigsten Requisiten ausgestattet ist, ansonsten nicht verhehlt, was sie
ist: eine Bühne. Schauspieler, die ihre Rollen anziehen, ohne sie sich anzueignen. Eine Textfassung, die weitgehend aus seiner Feder stammt. Musik, die alles andere als gefällig ist.
Nur die Brechtsche Gardine fehlt. Aber weil Regisseur Andre Sebastian die Spieler in seiner
Inszenierung „Der gute Mensch von Sezuan“ immer wieder aus der Rolle rausholt und sie an die Rampe vor Mikrofone treten lässt, ist sie zumindest imaginär da. Des Autors Vorstellung vom epischen Theater und seinen Verfremdungseffekten ist der junge Theatermacher also recht nahe gekommen. Eine weihevolle Hommage also an einen Klassiker, der mal als Theaterrebell gestartet ist? Nein, keineswegs. Sebastians Arbeit im Rheinischen Landestheater wird zwar kaum Ärger mit den Brechtschen Erben machen, die mit Argusaugen über das Werk des Dramatikers wachen, aber er setzt starke eigene, vor allem zeitgemäße Akzente. Da ist zum einen die rocklastige, schräge, oft dissonante Musik von Markus Maria Jansen, der als Straßenmusikant Paul auch auf der Bühne steht und live mit der E-Gitarre begleitet; die ist die Ausstattung von Svea Kossack, die die Figuren in irgendeinem Jetzt und in irgendeiner Vorstadt verankert. Da ist die erhellende, nie bloß stellende Ironie, die oft über der Szene schwebt; und da sind die Schauspieler, die ihre Figuren derart gestalten, dass Realismus und Absurdität der Geschichte sich die Waage halten.
Und alles führt dazu, dass der Zuschauer mehr wie aus der Draufsicht auf das kümmerliche Leben der Armen rund um die allzu gutmütige Hure Shen Te schaut, die, um zu überleben, den hartherzigen Vetter Shui Ta erfindet. Denn nichts zieht den Zuschauer wirklich hinein, nichts berührt ihn emotional. Mit dem Ergebnis: Er kann denkend zuschauen. In ungewohntes, aber ungeheuer belebendes Theatergefühl. Wenn nach gut drei Stunden der rote Vorhang zugezogen wird, ist man hellwach (was sich auch am begeisterten Applaus zeigte).
Brechts Stücke haben im Grunde ein erzieherisches Ziel im Sinne von Gesellschaftskritik und
Weltveränderung, bergen indes die Gefahr, auf gespielte Lehrvorträge reduziert oder im Gegenteil mit all zu viel Sozialromantik angereichert zu werden. Sebastian und sein durchweg wunderbar spielendes Ensemble (allen voran die RLT-Neuerwerbung
Tini Pruüfert als Shen Te/Shui Ta sowie Tim Knapper als Flieger Yang Sun) umschiffen diese Klippen mit Bravour.
Das Interesse bleibt wach, weil Text, szenische Umsetzung und Spiel eine kongeniale Verbindung eingehen. Fern aller Schwarzweißmalerei wirft die Bearbeitung eine Frage auf, die zweifelsohne auch die zentrale des heutigen Alltags ist: Wie geht der Mensch mit dem Menschen um? Eine Antwort finden weder Brecht noch Regisseur Sebastian. Muss auch nicht sein. Es reicht, diese Frage aus dem Theater mit ins Leben zu nehmen.
Neuss: Kann ein Mensch gut sein?
Andre Sebastian entdeckt den Brecht- Klassiker verblüffend neu. Am Freitag feierte „Der gute
Mensch von Sezuan“ Premiere.
Neuss. In einem kleinen Tabakladen hat sich eine Gruppe von Menschen
versammelt, gekleidet in der Uniform der „Unterschicht“: Man trägt
Trainingsanzüge aus Fallschirmseide, weiße Tennissocken stecken in blauen
Badelatschen und T-Shirts mit Totenkopfmuster sind angesagt. Die Gruppe
macht Lärm und benimmt sich daneben. Was aussieht wie eine Folge der
Ruhrpott-Comedy „Alles Atze“ spielt auf der Bühne des Rheinischen
Landestheaters: Zur Eröffnung der neuen Spielzeit feierte am Freitagabend
Brechts Parabel „Der gute Mensch von Sezuan“ in Neuss Premiere.
Der Tabakladen gehört der Ex-Prostitutierten Shen Te, der Protagonistin
des Stücks, an der Brecht zeigt, wie schwer es ist, ein guter Mensch zu
sein. Denn ihr selbstloses Engagement für andere führt letztlich zu ihrem
eigenen Ruin. Gleichzeitig wirft Brecht in seiner Parabel die Frage auf, was
das überhaupt sein soll: Ein guter Mensch? Diese Frage ist weiter aktuell,
auch wenn Brechts Anspruch, das Theater als Lehranstalt für moralische
Fragen zu nutzen und das Geschehen auf der Bühne als Demonstration
gesellschaftlicher und ethischer Probleme zu interpretieren, im ersten Moment nicht mehr zeitgemäß wirkt.
Brechts scheinbar so klare klassenkämpferische Botschaften hat Regisseur Andre Sebastian zeitgenössisch ambivalent in der Schwebe gehalten und so das Moderne der Brechtschen Dramatik herausgestellt. Manche Bezüge zum Hier und Heute stellen sich sowieso ganz von selbst ein: Die Virtuosität der Sprache, die Tiefe und Vielschichtigkeit mit der Brecht das Problem der Moral behandelt und der hohe, aber gerechtfertigte Anspruch ans Publikum sich selbst, Gedanken zum Thema zu machen, haben keinen Klamauk nötig und bieten eine wohltuende Abwechslung vom platten Unterhaltungseinerlei im Fernsehen. Hauptdarstellerin und RLT-Neuzugang Tini Prüfert spielt die Rolle der Prostituierten Shen Te mit viel
Ausstrahlung, Natürlichkeit und Hingabe, dass man als Zuschauer unweigerlich in die Geschichte hineingezogen wird und es ein gelungener Premierenabend wurde. Das Stück endet mit einem der berühmtesten Brecht- Zitate, das die meisten wahrscheinlich aus einem ganz anderem Kontext, nämlich dem Fernsehen kennen:
„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
VON HELGA BITTNER - NGZ
Neuss Bertolt Brecht hätte an dieser Arbeit vermutlich seine Freude gehabt. Eine Bühne,
die nur mit den nötigsten Requisiten ausgestattet ist, ansonsten nicht verhehlt, was sie
ist: eine Bühne. Schauspieler, die ihre Rollen anziehen, ohne sie sich anzueignen. Eine Textfassung, die weitgehend aus seiner Feder stammt. Musik, die alles andere als gefällig ist.
Nur die Brechtsche Gardine fehlt. Aber weil Regisseur Andre Sebastian die Spieler in seiner
Inszenierung „Der gute Mensch von Sezuan“ immer wieder aus der Rolle rausholt und sie an die Rampe vor Mikrofone treten lässt, ist sie zumindest imaginär da. Des Autors Vorstellung vom epischen Theater und seinen Verfremdungseffekten ist der junge Theatermacher also recht nahe gekommen. Eine weihevolle Hommage also an einen Klassiker, der mal als Theaterrebell gestartet ist? Nein, keineswegs. Sebastians Arbeit im Rheinischen Landestheater wird zwar kaum Ärger mit den Brechtschen Erben machen, die mit Argusaugen über das Werk des Dramatikers wachen, aber er setzt starke eigene, vor allem zeitgemäße Akzente. Da ist zum einen die rocklastige, schräge, oft dissonante Musik von Markus Maria Jansen, der als Straßenmusikant Paul auch auf der Bühne steht und live mit der E-Gitarre begleitet; die ist die Ausstattung von Svea Kossack, die die Figuren in irgendeinem Jetzt und in irgendeiner Vorstadt verankert. Da ist die erhellende, nie bloß stellende Ironie, die oft über der Szene schwebt; und da sind die Schauspieler, die ihre Figuren derart gestalten, dass Realismus und Absurdität der Geschichte sich die Waage halten.
Und alles führt dazu, dass der Zuschauer mehr wie aus der Draufsicht auf das kümmerliche Leben der Armen rund um die allzu gutmütige Hure Shen Te schaut, die, um zu überleben, den hartherzigen Vetter Shui Ta erfindet. Denn nichts zieht den Zuschauer wirklich hinein, nichts berührt ihn emotional. Mit dem Ergebnis: Er kann denkend zuschauen. In ungewohntes, aber ungeheuer belebendes Theatergefühl. Wenn nach gut drei Stunden der rote Vorhang zugezogen wird, ist man hellwach (was sich auch am begeisterten Applaus zeigte).
Brechts Stücke haben im Grunde ein erzieherisches Ziel im Sinne von Gesellschaftskritik und
Weltveränderung, bergen indes die Gefahr, auf gespielte Lehrvorträge reduziert oder im Gegenteil mit all zu viel Sozialromantik angereichert zu werden. Sebastian und sein durchweg wunderbar spielendes Ensemble (allen voran die RLT-Neuerwerbung
Tini Pruüfert als Shen Te/Shui Ta sowie Tim Knapper als Flieger Yang Sun) umschiffen diese Klippen mit Bravour.
Das Interesse bleibt wach, weil Text, szenische Umsetzung und Spiel eine kongeniale Verbindung eingehen. Fern aller Schwarzweißmalerei wirft die Bearbeitung eine Frage auf, die zweifelsohne auch die zentrale des heutigen Alltags ist: Wie geht der Mensch mit dem Menschen um? Eine Antwort finden weder Brecht noch Regisseur Sebastian. Muss auch nicht sein. Es reicht, diese Frage aus dem Theater mit ins Leben zu nehmen.
Neuss: Kann ein Mensch gut sein?
Andre Sebastian entdeckt den Brecht- Klassiker verblüffend neu. Am Freitag feierte „Der gute
Mensch von Sezuan“ Premiere.
Neuss. In einem kleinen Tabakladen hat sich eine Gruppe von Menschen
versammelt, gekleidet in der Uniform der „Unterschicht“: Man trägt
Trainingsanzüge aus Fallschirmseide, weiße Tennissocken stecken in blauen
Badelatschen und T-Shirts mit Totenkopfmuster sind angesagt. Die Gruppe
macht Lärm und benimmt sich daneben. Was aussieht wie eine Folge der
Ruhrpott-Comedy „Alles Atze“ spielt auf der Bühne des Rheinischen
Landestheaters: Zur Eröffnung der neuen Spielzeit feierte am Freitagabend
Brechts Parabel „Der gute Mensch von Sezuan“ in Neuss Premiere.
Der Tabakladen gehört der Ex-Prostitutierten Shen Te, der Protagonistin
des Stücks, an der Brecht zeigt, wie schwer es ist, ein guter Mensch zu
sein. Denn ihr selbstloses Engagement für andere führt letztlich zu ihrem
eigenen Ruin. Gleichzeitig wirft Brecht in seiner Parabel die Frage auf, was
das überhaupt sein soll: Ein guter Mensch? Diese Frage ist weiter aktuell,
auch wenn Brechts Anspruch, das Theater als Lehranstalt für moralische
Fragen zu nutzen und das Geschehen auf der Bühne als Demonstration
gesellschaftlicher und ethischer Probleme zu interpretieren, im ersten Moment nicht mehr zeitgemäß wirkt.
Brechts scheinbar so klare klassenkämpferische Botschaften hat Regisseur Andre Sebastian zeitgenössisch ambivalent in der Schwebe gehalten und so das Moderne der Brechtschen Dramatik herausgestellt. Manche Bezüge zum Hier und Heute stellen sich sowieso ganz von selbst ein: Die Virtuosität der Sprache, die Tiefe und Vielschichtigkeit mit der Brecht das Problem der Moral behandelt und der hohe, aber gerechtfertigte Anspruch ans Publikum sich selbst, Gedanken zum Thema zu machen, haben keinen Klamauk nötig und bieten eine wohltuende Abwechslung vom platten Unterhaltungseinerlei im Fernsehen. Hauptdarstellerin und RLT-Neuzugang Tini Prüfert spielt die Rolle der Prostituierten Shen Te mit viel
Ausstrahlung, Natürlichkeit und Hingabe, dass man als Zuschauer unweigerlich in die Geschichte hineingezogen wird und es ein gelungener Premierenabend wurde. Das Stück endet mit einem der berühmtesten Brecht- Zitate, das die meisten wahrscheinlich aus einem ganz anderem Kontext, nämlich dem Fernsehen kennen:
„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“